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Von – 1. Februar 2001

BSE: Ist jetzt Fasten angesagt?

Jesus predigte die Fülle, nicht den Verzicht

BSE ist in aller Munde. Immer mehr Menschen „verzichten“ auf ihre Leberwurst, den Rollbraten oder den schnellen Hamburger. Der Verzicht fällt nicht schwer, wir können ja auf Geflügel umsteigen, und unser Tisch wird nicht leerer. Aber kann man verzichten, ohne wirklich Einschränkungen in Kauf zu nehmen? Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit – Zeit, sich zu erinnern, dass der religiöse Wert des Verzichtes woanders liegt.

Eli Wolf ist Pfarrerin in der Regenbogengemeinde Sossenheim. Foto: Oeser

Verzichten und sich bescheiden galt früher als hoher Wert. Meistens wurde der Verzicht mit erhobenem Zeigefinger gepredigt, oft sogar als Begründung für ungerechte Strukturen benutzt. Heute dagegen ist Konsum zum Motor der Wirtschaft geworden, und Leute, die freiwillig „verzichten“, werden eher belächelt und verspottet. Zum Beispiel Muslime, die während des Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken: „Den ganzen Tag nichts essen und abends dann reinhauen, das kann doch nicht gesund sein!“ Der religiöse Wert des Verzichtens ist aus dem Blick geraten. Verzichten, das ist bei uns nur akzeptiert, wenn es einem bestimmten Zweck dient: Diät halten, um Schönheitsbildern zu entsprechen, oder kein Rindfleisch essen, um sich vor BSE zu schützen. Ob Haus, Auto oder neue Möbel, alles ist auf Kredit zu kaufen. Dem geforderten Lebensstandard zu entsprechen ist so wichtig, dass es weniger bedenklich erscheint, sich zu verschulden, als auf das Traumauto oder die Traumreise zu verzichten.

Am BSE-Skandal wird deutlich, dass wir als Konsumentinnen angesprochen sind. Unser bisheriges Konsumverhalten ist unhaltbar – einerseits wollen wir, dass Fleisch im Überfluss und zu sehr geringen Preisen angeboten wird, aber die negativen Auswirkungen, die so eine Produktion mit sich bringt, die wollen wir nicht zu spüren bekommen. Und so wird unser „Verzicht“ auf Rindfleisch zum Anlass für Veränderungen in der Fleischproduktion. Aber was ist mit den anderen „heiligen Kühen“? Zum Beispiel dem Autoverkehr?

Ein „Verzicht“ wie der auf’s Rindfleisch, ist eigentlich gar kein Verzicht. Nicht nur, weil wir Alternativen haben, auf die wir ausweichen können, sondern auch, weil wirkliches „Verzichten“ nur möglich ist, wenn es dabei um Dinge geht, die wir brauchen oder die uns „zustehen“. Wenn ich im Winter keine chilenischen Himbeeren kaufe, dann hat das nichts mit „verzichten“ zu tun, aber viel mit Ökologie und weltweiter ökonomischer Gerechtigkeit. Denn weder brauche ich Himbeeren im Winter, noch habe ich ein Recht darauf.

Oft haben wir uns aber angewöhnt, Privilegien, die wir aufgrund unserer Lebensumstände genießen, als unser „gutes Recht“ zu betrachten. Die Diskussion um die Einführung der Besteuerung von Flugbenzin zum Beispiel führte zu massiven Protesten. Niemand möchte zum Verzicht auf etwas gezwungen werden, was ihr oder ihm vermeintlich zusteht. Aber wieso eigentlich haben wir uns unseren Urlaub in der Sonne „wohlverdient?“

Eine reichhaltige Mahlzeit - manchmal kommt es nicht so sehr darauf an, was auf den Tisch kommt, als darauf, wer mit am Tisch sitzt. Foto: Maranhão

Dabei merken wir oft nicht, dass wir täglich auf vieles verzichten, was unser Leben bereichern würde. Zum Beispiel verzichten wir zu Gunsten des Autoverkehrs darauf, gelassen und frei von Lärm und Gestank durch unsere Städte zu laufen oder unseren Kindern Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Viele Menschen verzichten auf ihre politischen Rechte und beteiligen sich nicht einmal an Wahlen. Und warum verzichten so viele auf ihre eigene Kreativität, auf Musik, auf Freundschaften? Und auch auf Spiritualität und eigenes spirituelles Wachstum?

Biblisch gesprochen ist uns ein Leben in Fülle versprochen. Wir bekommen das, was wir brauchen, geschenkt, auch wenn wir natürlich nicht im Schlaraffenland leben. Aber Gott schenkt uns Möglichkeiten zu einem erfüllten Leben. Jesus lebte und lehrte nicht den Verzicht, sondern ein Leben in Fülle. Und echtes Verzichten kann uns auf die Spur eines erfüllten Lebens bringen.

Freiwillig auf etwas zu verzichten und sich einzuschränken, macht paradoxerweise frei. Sich nicht provozieren zu lassen und auf Gegengewalt zu verzichten ist zum Beispiel schwer, es kann aber die Gewaltspirale durchbrechen. Wenn Jesus in der Bergpredigt sagt: „Halte die andere Wange hin“, dann fordert er die Menschen nicht auf, sich in der Opferrolle einzurichten, sondern er zeigt uns, wie wir durch überraschenden Verzicht auf eingefahrene Handlungsmuster frei werden und so gerade mehr Handungsmöglichkeiten gewinnen.

Ein anderes Beispiel für die Fülle des Verzichts erlebte ich in New York. Die Stadt entspricht in vieler Hinsicht ihrem eigenen Mythos – sie ist groß, laut und vor allem betriebsam. Die meisten Menschen arbeiten sehr viel, unternehmen viel und tun mindestens zwei Dinge gleichzeitig. Deshalb sind auch gesellige Verabredungen kurz und „effizient“. An einem Samstag lernte ich dort den Gewinn von Verzichten kennen. Jüdische Studienkolleginnen luden mich ein, mit ihnen den Sabbat zu feiern. Ein Tag, an dem sie religiös motiviert auf Arbeit und alles, was damit zusammenhängt, verzichten. Wir konnten also weder ins Kino gehen, noch einen Ausflug machen, nicht einmal lange spazieren gehen. Und weil wir auf diese ganzen herkömmlichen Freizeitaktivitäten verzichten mussten, saßen wir stundenlang beim Essen zusammen, sangen Lieder, erzählten Geschichten, sprachen über Gott und die Welt. Und erlebten einen erfüllten Tag wie selten.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Februar 2001 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Pfarrerin Eli Wolf leitet das Evangelische Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt.

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