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Von – 1. Juni 2006

Ohne Job und Familie droht die Einsamkeit

Sonja Rudolf, 54 Jahre alt, geschieden, Sekretärin von Beruf, wurde mit Anfang 50 arbeitslos. Sie fand keine neue Arbeitsstelle, zog sich zurück und hatte kaum noch soziale Kontakte. Sie kam mit dem unaufhaltsamen finanziellen Abstieg nicht zurecht. Für Unternehmungen fehlte ihr das Geld, und sie konnte sich auch nicht recht aufraffen. Einsamkeit ist ein Thema, das häufig in Zusammenhang mit der Lebenssituation alter Frauen diskutiert wird. Doch „alt“ ist heute ein relatives Wort. „Eine Fünfzigjährige ist heute aus Sicht des Arbeitsmarktes auch schon alt“, sagt Karin Kühn, Leiterin des Evangelischen Zentrums für Frauen am Zoo, „sie hat kaum noch eine Chance, einen Arbeitsplatz zu finden, vor allem, wenn sie keine sehr qualifizierte Ausbildung hat.“

Immer öfter werden Frauen schon zwischen vierzig und fünfzig von der Leistungsgesellschaft ins Abseits gestellt. „Sie haben sich lange um die Familie gekümmert und ihren Beruf dafür vernachlässigt. Viele haben nach der Erziehungsarbeit keinen Einstieg mehr gefunden. Wenn dann noch die Familie zerfällt und die Kontakte zu den Kindern abbrechen, sind sie ohne Job, ohne Kontakte und ohne Geld – sie vereinsamen“, sagt Karin Kühn.

Ein großes Problem sei das fehlende Selbstbewusstsein. „Vielen Frauen fehlt dann der Mut, aktiv auf andere zuzugehen. Sie wollen nach außen hin den Schein wahren“, sagt Kühn. „Die Nachbarn sollen nicht wissen, dass sie arbeitslos sind und wenig Geld haben.“ Und es gibt ja nicht viele Orte, wo man auch außerhalb der Arbeit Kontakte knüpfen kann. Kulturelle Veranstaltungen, Café-Besuche, Volkshochschule, Sportvereine – das alles kostet.

Wichtig ist es, früh gegenzusteuern und sich nicht hängen zu lassen, auch wenn es schwer fällt. „Oft hilft es schon, mit anderen über die eigene Situation offen zu sprechen,“ weiß Karin Kühn. Das kann eine Nachbarin sein, eine Freundin aus früheren Zeiten oder auch ein Pfarrer oder eine Pfarrerin. Manchmal fehlt nur der erste Schritt. So war es auch bei Sonja Rudolf. Der Umschwung trat ein, als sie mitbekam, dass es Orte gibt, wo sich Menschen treffen, die sich in der gleichen Situation befinden. Inzwischen kommt sie regelmäßig zum offenen Frauentreff „17 Ost“ im Zentrum für Frauen und hat neue Kontakte geknüpft.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juni 2006 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.