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Von – 1. Juli 2010

So kann Schule Spaß machen

Der Frankfurter „Lernbetrieb“ glaubt an den Willen seiner Lernenden

Erfreut nimmt Franziska Klinger ihren Hauptschulabschluss von Lehrer Volker Haack entgegen. Foto: Gerhard Müller

Gespannt sitzen die Schülerinnen und Schüler um einen kleinen Tisch herum und warten darauf, dass ihr Name aufgerufen wird. Wer an der Reihe ist, steht auf und nimmt sein Zeugnis entgegen, –zusammen mit einigen netten Worten oder Anekdoten. Freundschaftlich locker ist die Stimmung, aber auch feierlich. Denn für diese Jugendlichen sind das nicht einfach nur Zeugnisse: Sie halten jetzt ihren lange ersehnten Hauptschulabschluss in den Händen. Sie alle sind über Umwege zu diesem Ziel gelangt – rund ein Viertel aller Hauptschüler in Frankfurt verläßt die Schule ohne Abschluss. Dass diese Jugendlichen es nun doch noch geschafft haben, ermöglichte ihnen der „Lernbetrieb“, ein Projekt des Evangelischen Vereins für Jugendsozialarbeit. Jugendliche Schulabgänger zwischen 14 und 25 Jahren haben hier die Möglichkeit, sich auf eine externe Hauptschulprüfung vorzubereiten. Zwölf Plätze stehen dafür zur Verfügung, elf davon waren in diesem Jahr belegt, sechs von Mädchen, fünf von Jungen. Drei Schülerinnen und ein Schüler hatten einen Migrationshintergrund. „Den meisten Jugendlichen hier fällt es gerade am Anfang nicht leicht, am Ball zu bleiben und regelmäßig am Unterricht teilzunehmen“, sagt Evelyn Rogowski, die pädagogische Leiterin des Projekts. „Umso schöner ist es, wenn doch alle den Abschluss schaffen. Das freut uns sehr.“

Auch für den 22jährigen Richard war es nicht leicht, sein Ziel konsequent zu verfolgen. „Ich bin damals von der Schule geflogen, weil ich zu viel geschwänzt habe“, gibt er zu. Schule war für die meisten dieser Jugendlichen unbequem, mit schlechten Erfahrungen verbunden. Der Lernbetrieb möchte vermitteln, dass Schule auch Spaß machen kann. Doch auch hier führt letztlich kein Weg am Unterricht vorbei: fünf verschiedene Fächer werden unterrichtet. Ein Unterschied zur Schule ist jedoch der starke Praxisbezug. Jeder der Jugendlichen erhält Einblick in einen der drei Ausbildungsbereiche des Vereins: Ob sie sich für Büro, Handwerk oder Gastronomie entscheiden, bleibt ihnen selbst überlassen. Nach dem Erreichen des Hauptschulabschlusses können sie auch eine Ausbildung in einem der Betriebe beginnen. Richard zum Beispiel möchte jetzt weitermachen und sich zur Fachkraft Gastronomie ausbilden lassen.

Die 17-jährige Yesim sieht noch einen weiteren wichtigen Unterschied zur Schule: „In der Schule hat mir keiner geholfen, aber hier bin ich sofort gut aufgenommen worden. Den Lehrern hier kann man viel mehr anvertrauen, sie sind sozialer und bemühter.“ Ihr Lehrer Volker Haack sieht den Grund hierfür darin, dass er hier in einem Team arbeitet, kein Einzelkämpfer ist. „Ich werde wertgeschätzt. Und das kann ich dann auch an die Schüler weitergeben.“ Für die Schülerinnen und Schüler ist das eine ganz neue Erfahrung. Bisher habe nie jemand an sie geglaubt, berichten sie einstimmig, häufig weder Familie noch Lehrer. „Wenn wir ihnen dann hier zeigen, dass sie uns wichtig sind und wir sie respektieren, macht das Mut“, erklärt Evelyn Rogowski. „Wir glauben an alle!“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juli 2010 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Sara Wagner ist Mitglied der Redaktion von "Evangelisches Frankfurt" und Studentin der Kulturwissenschaften.

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