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Von – 15. Oktober 2016

Tee trinken auf Japanisch im Frankfurter Altenheim

Mit japanischen Traditionen alten Menschen in Deutschland eine Freude bereiten: Im Verein „Musubi“ verbinden Japanerinnen, die in Frankfurt leben, soziales Engagement mit kulturübergreifendem Austausch.

Die Japanerin .. bei der Teezeremonie im evangelischen Altenpflegeheim Nellinistift. Foto: Doris Stickler

Die Japanerin Sumiko Ueda bei der Teezeremonie im evangelischen Altenpflegeheim Nellinistift. Foto: Doris Stickler

Beutel in die Tasse, heißes Wasser drüber, fertig. Viele Menschen ziehen bei der Teezubereitung die schnelle und einfache Variante vor. Mit einer japanischen Teezeremonie hat die freilich so wenig gemein, wie der Hot-Dog mit dem Menü eines Drei-Sterne-Kochs.

Das aus dem Zen-Buddhismus hervor gegangene Ritual dürfte ordinäre Teekonsument_innen denn auch auf eine harte Geduldsprobe stellen. Bis zum ersten Schluck können hier durchaus zwei Stunden vergehen. Im Nellinistift ließ Zeremonienmeisterin Sumiko Ueda ihre Gäste nicht ganz so lange warten.

Dennoch vermittelte sie den Eindruck, als stünde ihr alle Zeit der Welt zur Verfügung. In traditioneller Kimonotracht an einem kleinen Tischchen sitzend, führte sie vom Auswischen und Vorwärmen der Schale bis zum Verquirlen von Grünteepulver und Wasser mit dem kleinen Bambusbesen jeden Handgriff in bedächtiger Hingabe aus.

Das alles geschah schweigend und erinnerte nicht von ungefähr an eine Meditation. Wie Kayoko Shimizu-Krämer den unkundigen Teilnehmenden erklärte, geht es bei der japanischen Teezeremonie nicht ums Durstlöschen, sondern um innere Einkehr, um Gelassenheit, um Achtung vor den Menschen wie den einfachen Dingen des täglichen Gebrauchs.

„Das Ritual ist ein Zeichen der Gastfreundschaft“, so die Gründerin des Vereins „Musubi“, der sich in der Altenpflegeeinrichtung des Evangelischen Vereins für Innere Mission ehrenamtlich engagiert. Neben der Mitwirkung bei Spielenachmittagen, Gedächtnistraining- oder Gymnastikgruppen stellt er dort einmal im Monat japanische Traditionen vor.

Was es mit der Redewendung „Abwarten und Tee trinken“ auf sich hat, war Bewohnerin Helga Mohr nicht völlig fremd. Ihre in Ostfriesland lebende Tochter lege beim Teetrinken auch auf Muße und Ästhetik Wert. Es gebe ein spezielles Service mit Ostfriesenrosendekor, man nehme sich Zeit und trinke den Tee mit Kluntje und einem Schuss Sahne unter Beachtung der eisernen Regel: „Auf keinen Fall darf der Tee umgerührt werden.“

Die 84 Jahre alte Kaffeeliebhaberin findet fernöstliche Gepflogenheiten generell interessant und hat im Nellinistift auch schon eine Einführung in die Origami genannte Falttechnik und eine Kimono-Modenschau besucht. Die Veranstaltungen von „Musubi“ seien kein  bloßes Unterhaltungsprogramm, so Kayoko Shimizu-Krämer.

„Durch die ehrenamtlichen Aktivitäten lernen wir den Alltag in der Einrichtung wie auch die deutschen Senioren kennen“. Für die Glaskünstlerin, die 1989 nach Frankfurt kam, um ein oder zwei Jahre lang ihre Kenntnisse zu vertiefen, hier dann aber ihrem Ehemann begegnete, liegt ein solcher Austausch auf der Hand.

Sie gehe davon aus, dass wie sie selbst viele ihrer Landsleute den Lebensabend in Deutschland verbringen werden und manche dann professionelle Hilfe brauchen. „Wir wollen verstehen wie hiesige Pflegeinrichtungen funktionieren und einen Grundstein zu einer kultursensiblen Pflege japanischer Mitbürger legen“, fasst die 52-Jährige die Motivation der vierzehn „Musubi“-Frauen zusammen.

In Nellinistift-Leiter Harald Dollansky haben sie einen Unterstützer gefunden. Richtet sich in Sachen kultursensible Pflege das Augenmerk vor allem auf Senioren aus dem türkischen oder arabischen Raum, ist es seiner Ansicht nach überfällig, auch asiatische Eigenheiten in den Blick zu nehmen. Allemal in Frankfurt, wo nach Düsseldorf die meisten Japanerinnen und Japaner leben.

Als sich vor fünf Jahren zwei Damen mit der Frage „Können Sie Hilfe gebrauchen?“ an Harald Dollansky wandten, war er zwar ziemlich überrascht. „Ich habe natürlich nicht Nein gesagt“. Mittlerweile ist er über deren Vorstoß jedoch froh. „Die Veranstaltungen von Musubi sind längst zum Selbstläufer geworden.“ Außerdem engagierten sich auch im vom Evangelischen Verein für Innere Mission getragenen Hufelandhaus Japanerinnen.

Der Nellinistift-Leiter rechnet damit, dass in seinem Umfeld die neue kultursensible Herausforderung demnächst konkrete Gestalt gewinnt. „Ich habe die Voranmeldungen von zwei Japanerinnen auf dem Tisch.“ Die Überlegung, ob dann auch Miso-Suppe und Sushi auf den Speiseplan müssen, bereitet ihm hierbei kein Kopfzerbrechen. Was bei Demenz geschieht, wenn die Deutschkenntnisse verloren gehen, dagegen schon.

In solchen Fällen dürfte Kayoko Shimizu-Krämer eine große Hilfe sein. Sie hat bei dem deutsch-japanischen Verein für kultursensible Pflege „DeJaK-Tomonokai“ in Düsseldorf einen „Demenz-Supporter“-Kurs absolviert. Das in Japan verbreitete Modell, das Ehrenamtliche schult, Demenz zu erkennen, mit Betroffenen einfühlsam umzugehen und sie zu unterstützen, macht sie jetzt in Frankfurt publik.

Zu ihrer Freude stellt das Nellinistift für ein weiteres Projekt des Vereins die Räume zur Verfügung. Das derzeit noch in Planung befindliche „Musubi-Café“ soll in der Mainmetropole der erste offene Seniorentreff für betagte Japanerinnen und Japaner werden.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 15. Oktober 2016 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe , .

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