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Von – 6. Oktober 2016

„Viele Menschen erzählen mir gleich ihre Lebensgeschichte“

Der Altersdurchschnitt bei Pfarrerinnen und Pfarrern ist zurzeit relativ hoch, viele gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Dann kommen Jüngere die Gemeinden, so wie Johanna Kluge. Die 28-Jährige wird demnächst eine der jüngsten Pfarrerinnen in Hessen.

Vikarin Johanna Kluge beim Interview in der Nicolaigemeinde im Ostend. Foto: Rolf Oeser

Vikarin Johanna Kluge beim Interview in der Nicolaigemeinde im Ostend. Foto: Rolf Oeser

Johanna Kluge sieht entspannt aus, wie sie da im Sitzungszimmer der Nicolaigemeinde im Frankfurter Ostend sitzt. Ausgerechnet im Sitzungszimmer. Sitzungen zu Verwaltungs- und Organisationsfragen einer Kirchengemeinde hatte sie immer ein wenig gefürchtet. Ist so etwas nicht staubtrocken? Heute weiß sie: Muss nicht sein. Es hat auch was, sich zusammen mit anderen in ein Finanz-Thema reinzuwurschteln. Auch das gehört zum Pfarrberuf, nicht anders als Konfirmandenunterricht, Predigten und Seelsorgegespräche.

Johanna Kluge ist 28 Jahre alt, in wenigen Monaten wird sie eine der jüngsten Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) sein. Noch ist die blonde, fröhliche Frau Vikarin. 2014, mit nur 26 Jahren, hat sie in der Nicolai-Gemeinde ihre Ausbildung begonnen, derzeit verbringt sie einige Wochen im Zentrum für Verkündigung in Bockenheim. Theologie hat Johanna Kluge in Heidelberg, Marburg und der kleinen Stadt Arusha in Tansania studiert. An der dortigen Uni war sie sogar im Flötenkreis.

Arbeitsplatz auf der Kanzel? Das sorgt für interessante Partygespräche

„Und was machst du so?“ Wie ist das eigentlich so auf Partys, wenn man auf diese Frage antwortet, man mache gerade eine Ausbildung zur Pfarrerin? Wie reagieren die anderen? Johanna Kluge lacht. „Ja, das ist interessant“, sagt sie. „Die einen sind ganz schnell weg, andere erzählen ausführlich, dass sie ja überhaupt nicht an Gott glauben und warum, wieder andere offenbaren gleich ihre ganze Lebensgeschichte.“

Zum bloßen Smalltalk-Thema taugt die Kanzel als Arbeitsplatz offenbar nicht. Zum Inhalt richtig guter Partygespräche schon. Und die sind nicht die schlechteste Trockenübung. Menschen zuhören, auf sie eingehen, andere Perspektiven einnehmen: gehört alles zum Kerngeschäft von Pfarrerinnen und Pfarrern. Und aller Anfang ist schwer.

„Bei Seelsorge geht es nicht um schnelle Antworten“

„Seelsorgegespräche muss man lernen. Da geht es nicht um schnelle Antworten, sondern darum, Menschen anzunehmen, wie sie sind.“ Auch wenn es um schwierige Themen geht, um Krankheiten, existenzielle Lebenskrisen, um Trauer und Angst. Fühlt sie sich da manchmal zu jung? Kann sie als Endzwanzigerin  die Sorgen und Nöte einer 90-Jährigen verstehen? „Mich da hineinzuversetzen ist natürlich nicht leicht“, sagt Kluge. „Aber zuhören ist oft viel wichtiger.“

Wächst man in einen solchen Berufswunsch hinein? Ja und nein. Johanna Kluge hat sich sehr bewusst entschieden. Erst zur Konfirmation hat sie sich taufen lassen. „Meine Eltern sind eher volkskirchlich distanziert.“ Sie selbst hat schon früh in CVJM- und Jungschargruppen wichtige Freundschaften geschlossen, die bis heute fortbestehen. Kaum jemand aus ihrem Umfeld hat sich über den Berufswunsch gewundert.

Und auch ihr Freund, der im Verlagswesen arbeitet, hat nichts dagegen, einmal im Pfarrhaus zu leben, „der Mann der Pfarrerin“ zu sein. „Klar, ich werde mal in meinem Ort eine öffentliche Person sein. Aber als Mann wird da sicher nicht so viel von ihm erwartet. Eine Pfarrfrau hat noch mit mehr Rollenklischees zu kämpfen.“

Das Interesse am Pfarrberuf steigt langsam wieder an

In der Kirche werden Leute wie Johanna Kluge dringend gesucht. Der Altersdurchschnitt der Pfarrerinnen und Pfarrer in Hessen sei momentan sehr hoch, sagt Anja Schwier-Weinrich vom Personaldezernat der EKHN. Für junge Berufsanwärterinnen und -anwärter ist das eine gute Nachricht: „Von 2020 an werden viele in Pension gehen.“

Das Interesse am Beruf steige langsam wieder an, freut sich Schwier-Weinrich, auch wenn die Popularität des Pfarramts noch nicht wieder den Höhepunkt aus den 70er Jahren erreicht habe. Rund 270 Studierende an Theologischen Fakultäten im Bereich der Landeskirche zeigten sich derzeit einer Vikariats-Ausbildung gegenüber aufgeschlossen. „Das Problem ist, dass die Ausbildung mit sieben Jahren sehr lange dauert. Viele sind nach dem vollgepackten Stundenplan von G8 nicht darauf aus, sich für so einen langen Zeitraum festzulegen.“

Verkopft findet Johanna Kluge ihren Beruf nicht, manchmal sogar ganz im Gegenteil. In ihrem Abschiedsgottesdienst im Ostend hat sie die Gemeinde zu einem Körpergebet animiert. „Das Vaterunser mit zu begleiten kam sehr gut an. Das ist nämlich nicht nur was für Kinder.“ Im Spätherbst wird Kluge erfahren, in welcher Gemeinde sie ihre erste Pfarrstelle antritt. „Ich bin schon sehr gespannt.“

Nicht nur ihre Generation, sondern ganz speziell ihr Jahrgang wird die Kirche der Zukunft prägen: In keinem Jahr sind in Frankfurt mehr evangelische Kirchenmitglieder geboren worden als 1988. Der und die Durchschnittsgläubige sind also 28 Jahre alt. Genau wie Johanna Kluge.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 6. Oktober 2016 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe , .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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