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Von – 1. Juli 2002

Abstand zum Alltag gewinnen

Vom Erstgespräch bis zum Kurantritt: Bei den Beraterinnen des Diakonischen Werkes finden gestresste Mütter Beratung und Unterstützung

Sabine F. hatte keine Kraft mehr. Zwei kleine Töchter, Haushalt – alles wuchs ihr über den Kopf.

Angstattacken quälten sie, sie konnte nicht schlafen, fühlte sich erschöpft. Und Untergewicht hatte sie, als sie vor anderthalb Jahren zum ersten Mal Melinda Johnsen gegenüber saß und sich endlich vieles von der Seele redete. Dass ihr Partner alkoholabhängig ist und dass sie sich eigentlich trennen will, es aber nicht schafft, so ohne eigene Berufsausbildung und mit ihrer Existenzangst.

Melinda Johnsen, eine der Beraterinnen für Mütterkuren im Diakonischen Werk Frankfurt, hört solche Probleme oft. 90 Prozent der Frauen, die sie berät, seien stark überlastet. Viele sind allein erziehend, berufstätig und wegen kleiner Kinder sozial isoliert. Schlafstörungen, Rückenprobleme und Depressionen sind oft die Folge. Was genau „im Argen“ liegt und ob eine Kur in Frage kommt oder ambulante Hilfsangebote sinnvoller sind, das finden die Beraterinnen mit Hilfe eines Fragebogens heraus. So lässt sich auch das geeignete Haus für eine Kur herausfiltern. Denn es gibt in Deutschland 120 vom Müttergenesungswerk anerkannte Kurhäuser, im Jahr 2001 wurden sie von rund 60.000 Müttern genutzt. Kinder können bei Bedarf mitbehandelt werden, „aber die Mütter“, sagt Melinda Johnsen, „stehen immer im Vordergrund“.

Kommt eine Kur in Betracht, dann unterstützt die Beraterin die Frau dabei, den Kurantrag bei der Krankenkasse zu stellen und, wenn es sein muss, auch um die Bewilligung zu kämpfen. Zweimal wurde der Antrag von Sabine F. abgelehnt, zweimal legte sie Widerspruch ein. Mit Erfolg. Für drei Wochen fuhr sie schließlich mit den Töchtern an die Ostsee. Und das hieß für die junge Frau: Abstand zum Alltag gewinnen, Zeit für sich haben – um Kraft zu schöpfen, vor allem aber auch Zeit zum Nachdenken und für Gespräche. „Für viele Frauen ist eine Kur der Kick, um ihr Leben besser in den Griff zu bekommen“, sagt Johnsen.

Umso schlimmer ist es, dass die meisten Krankenkassen eine Kur nur noch teilweise finanzieren. Das Müttergenesungswerk kämpft für die gesetzliche Verankerung der Vollfinanzierung. Bis es soweit ist, suchen die Beraterinnen nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten, etwa durch Spenden. Trotzdem: Den Mut, eine Kur zu beantragen, sollten sich Frauen nicht nehmen lassen. Ist der Antrag erst einmal durch, dauert es meist nur drei bis vier Wochen bis zum Kurantritt. Für die Zeit nach der Kur bietet das Diakonische Werk Nachtreffen und Workshops an, um „die Erfahrungen positiv für den Lebensalltag umzusetzen und zu nutzen“.

Bei Sabine F. hat es geklappt. „Ganz erstaunlich“ findet Melinda Johnsen die Entwicklung der jungen Frau. Von ihrem Partner hat sie sich getrennt, sie hat sich eine eigene Wohnung gesucht, eine Berufsausbildung angefangen und eine Psychotherapie. Und sie ist nicht mehr so schrecklich dünn. „Sabine F. war ein krasser Fall“, sagt Johnsen. Umso mehr freut sie sich über den Erfolg. Und was für Sabine F. gilt, das gilt auch für andere Frauen: „Eine Kur macht Mut.“

Kontakt: Marianne Adler, Telefon 92105-6626, und Melinda Johnsen, Telefon 92105-6627, oder unter www.diakonischeswerk-frankfurt.de.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juli 2002 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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