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Von – 1. Juli 2002

Halbgötter im Trikot

Auf nichts schauen Millionen von Menschen weltweit so gebannt wie auf ein rundes Leder, hinter dem 22 Männer oder Frauen herlaufen. Die Fußball-WM in Japan und Südkorea ist ein Top-Medienereignis. Aber auch andere Sportveranstaltungen wie Champions-League, Formel 1, Tour de France ziehen Millionen in ihren Bann. Sie gehen zu den Stadien und Wettkampfstätten wie zu heiligen Pilgerorten und tragen die Insignien ihrer Verzückung offen und stolz: Trikots, Vereins- und Nationalfarben im Gesicht, auf Schals, Mützen und T-Shirts. Ist Sport so eine Art Religion?

Kerstin Söderblom ist Pfarrerin der Segensgemeinde in Griesheim. Foto: Oeser

Die Fans singen ihre Hymnen, jubeln und fluchen, loben und klagen, lachen und weinen – je nach Stand der Dinge. Erfolgreiche Sportler und Sportlerinnen sind die Helden einer ganzen Nation. Man ist stolz auf sie, himmelt sie an, verehrt sie – jedenfalls solange sie gewinnen. Bezahlter Sport: Medienspektakel und Ort von Heiligenverehrung? Eins scheint jedenfalls sicher: Sport mobilisiert (fast) alle Gefühle. Das macht ihn für viele so faszinierend. Hochleistung ist „in“, Spitzensportler werden verehrt und angebetet und Sportstadien sind in Deutschland fast die einzigen Orte, wo selbst die deutsche Fahne und die Nationalhymne stolz präsentiert werden. Die kollektive Heldenverehrung ist eine Form von Sinngebung und Orientierung, die Gemeinschaft im Fanclub ein Ort der Zugehörigkeit. Das gemeinsame Ziel ist einfach: Erfolg, Sieg und die Jubelfeier danach. Im Fanclub kann man sich klar zuordnen und bekennen. Wer mit dem einen Team fiebert, ist gegen die anderen. Klare Verhältnisse werden erwartet. Erkennbare Zugehörigkeitssymbole und feste Rituale gehören dazu.

In der kollektiven Fankultur werden Abläufe zelebriert, die an religiöse Feiern erinnern. Beschwört wird der Fußballgott, verehrt werden die Leistungssportler an den heiligen Orten der Wettkampfstätten, der heilige Tag ist der Fußballsamstag und hohe Feiertage sind Olympiade, Weltmeisterschaften und ähnliche sportliche Höhepunkte. Talisman, Trikotfarben und andere Fansymbole markieren diesen Kult unmissverständlich und erscheinen auch schon mal wie Reliquiensammlungen. Im Stadion wird Halt im kollektiven Rausch gesucht und oft gefunden. Wann sonst können Millionen von Menschen so ausgelassen miteinander singen, tanzen, feiern und johlend durch die Straßen ziehen?

Gemeinsam mit anderen ist Fußball gucken viel schöner: Nicht nur in Kneipen und Sportclubs, auch in so manchem Gemeindezentrum wird zur Fußball-Weltmeisterschaft der Videobeamer aufgestellt, um die Spiele in gebührender Größe verfolgen zu können – wie hier in der Nord-Ost-Gemeinde. Foto: Surrey

In unserer nüchternen Welt sind solche Momente selten geworden. Aber die Sehnsucht danach ist groß. Sport und Fankultur sind ein wichtiges Ventil dafür in einer Zeit, in der Orientierungslosigkeit und Vereinzelung wachsen. Sind Fußball und Leistungssport also eine Art Religion? Ist Gott rund? Vieles ist problematisch an diesem Vergleich: Die Fußball- und Leistungssporthelden kommen und gehen. Wer die Leistung nicht mehr bringt, wird gnadenlos abserviert. Alle diejenigen bleiben auf der Strecke, die da nicht mitkönnen. Milliardengeschäfte, Medienrummel und Erfolgsvergötterung zeigen ein ganz anderes Gesicht der scheinbar ungetrübten Sporteuphorie. Und da zählt nur, wer ganz oben ist. In Deutschland kann man sich nicht einmal mehr über die Vizemeisterschaft in der Bundesliga freuen. Ist das Sportsgeist?

Das Wort Religion kommt von dem lateinischen Wort „religare“ und bedeutet so viel wie anbinden, verbinden. Das tun die Fans im Hinblick auf ihren Sportclub und ihre Helden und Heldinnen ganz sicher. Insofern haben Sport und Fankult tatsächlich religiöse Züge. Aber es gibt wichtige Unterschiede: Im Christentum sind nicht nur die Besten und Schnellsten etwas wert, sondern alle Menschen. Jeder Einzelne ist Gottes Ebenbild, einzigartig und verdient Respekt und Achtung, egal ob sportlich oder unsportlich, alt oder jung, krank oder gesund. Der biblische Gott ist auch nicht nur für die Sieger da, sondern gerade für diejenigen, die Hilfe und Trost brauchen und ganz unten sind. Und ein Gott, der nur helfen soll, das Siegestor zu schießen, ist ein Joker aus der Trickkiste, sonst gar nichts.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juli 2002 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Kerstin Söderblom ist Pfarrerin der Segensgemeinde in Griesheim.

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