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Von – 1. November 2005

Kontakt über Gefängnismauern hinweg

Wieder hat Sarah den Brief heimlich in den Briefkasten geworfen. Schon seit drei Monaten hat die Achtjährige nichts mehr von ihrer Mutter gehört. Denn die sitzt im Gefängnis, weil sie klaut und betrügt, wie Papa sagt. Sarah vermisst ihre Mutter trotzdem. Sie hat ihr geschrieben, wie lieb sie sie hat und dass in der Schule alles gut läuft. Aber Papa will das nicht. Er sagt, Mama sei ein schlechter Mensch.

Sarahs Mutter liest die liebevollen Briefe ihrer Tochter Christiane Bastian vor, der Pfarrerin für Angehörigenseelsorge in der Frauenhaftanstalt Preungesheim. Sie bittet sie inständig, auf ihren geschiedenen Mann, Sarahs Vater, einzuwirken: Sie möchte so gerne mit ihrer Tochter reden.

„In einem Frauengefängnis geht es vor allem darum, den Kontakt zwischen Kindern und Müttern aufrechtzuerhalten“, erzählt Bastian. Das sei anders als in einem Männergefängnis, wo vor allem gegenüber die Ehefrauen von Inhaftierten Rat suchen. Manchmal kann die Pfarrerin sogar ein Treffen in ihrem kleinen Büro in der Kreuzgemeinde organisieren, außerhalb der Gefängnismauern. „Kinder haben ein Recht auf ihre Mütter, auch wenn diese straffällig geworden sind“, ist Bastian überzeugt.

Während es Gefängnisseelsorge schon lange gibt, ist die Hilfe für Angehörige ein relativ neues Arbeitsgebiet: Seit zwei Jahren gibt es in Hessen eine halbe Stelle für Angehörigenseelsorge am Männergefängnis, nun wurde auch eine am Frauengefängnis eingerichtet.

Bedarf ist genug da: Denn nicht nur die Inhaftierten, sondern auch ihre Angehörigen stehen unter gewaltigem Druck. Um Schwierigkeiten und böses Gerede zu vermeiden, verheimlichen sie oft Nachbarn und Bekannten den Gefängnisaufenthalt. Da heißt es dann „Mein Mann ist auf Montage“ oder „Mama ist im Krankenhaus“.

Um die Mauer aus Tabus, Schweigen und Anklagen zu durchbrechen, ist oft mühsame Kleinarbeit nötig. Sarahs Vater zum Beispiel legt auch beim dritten Anruf der Angehörigenpfarrerin abrupt den Hörer auf. Der Fall soll zwar vor dem Familiengericht verhandelt werden – aber das kann dauern. Durch Zufall können Mutter und Tochter aber schließlich dann doch einmal miteinander telefonieren, als Sarah bei ihrem Großvater zu Besuch ist. „Ob wir nochmal soviel Glück haben, ist zwar fraglich“, meint Christiane Bastian, „aber ich gebe nicht auf.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. November 2005 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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