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Von – 1. November 2005

Vorsorgen statt kürzen

Manche können es nicht mehr hören: Die Regierung muss bei den Subventionen sparen, der Turnverein muss Heizkosten sparen, die Unternehmen müssen Personalkosten sparen, und die Kirche muss Pfarrstellen sparen. Oft sieht es so aus, als sei „Sparen“ ein Zwang, dem Entscheidungsträger „unterworfen“ seien. Bei Entscheidungen scheinen nicht mehr Inhalte, sondern nur noch die Finanzauswirkungen gefragt zu sein.

Rudolf Kriszeleit ist seit vier Jahren Mitglied des Vorstandes der Investitionsbank Hessen. Vorher war er Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Foto: Oeser

Wenn in Staat, Gesellschaft und auch in der Kirche derzeit von „Sparen“ gesprochen wird, ist eigentlich meist etwas anderes gemeint: Nämlich Kürzen und Reduzieren, nicht aber „Sparen“ im eigentlichen Sinne, nämlich im Sinne von „Vorsorge“. Der Volksmund beschreibt den wirklichen Zweck des Sparens sehr zutreffend: „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“.

Noch klarer kommt das in der alttestamentlischen Geschichte von Joseph in Ägypten zum Ausdruck: Joseph rät dem Pharao, in sieben reichen und fruchtbaren Jahren für die danach kommenden sieben mageren Jahre zu sparen und bewahrt so das Land vor einer Hungers­ not. Sparen ist also reale Vorsorge für kommende, unbekannte, eventuell schlechte Zeiten. Bloße Versprechungen, selbst „dinglich abgesicherte, verfassungsrechtlich begründete Ansprüche“ hätten die Ägypter in den sieben schlechten Jahren nämlich nicht satt gemacht.

Sparen benötigt Zeit. Für sieben unbekannte oder schlechte Jahre werden sieben gute und erfolgreiche Jahre benötigt, um ausreichend Reserven „anzusparen“. Dabei werden umfangreiche Vermögen gebildet: Joseph lässt riesige Getreidespeicher überall im Land errichten, er schüttet das Getreide auf wie Sand am Meer. Und schließlich macht die Geschichte von Joseph in Ägypten deutlich, dass Reichtum, Fülle und gute Ernten nicht ewig dauern, dass „Wachstum“ enden, zumindest unterbrochen werden kann.

Die Folgerungen aus dieser wunderbaren biblischen Geschichte liegen auf der Hand: „Sparen“ heißt nicht Ausgaben kürzen, sondern bezeichnet die unabweisbare Pflicht, reale und umfangreiche Vorsorge zu treffen und heute zu verzichten, um morgen Erfolg zu haben. Diese Pflicht trifft alle „Verantwortlichen“, und sie trifft jeden Einzelnen, denn wir leben nicht mehr in einer feudalen Gesellschaft, in der wir uns dem Willen des Pharaos zu unterwerfen haben, sondern in einer demokratischen Gesellschaft, die von der Teilhabe aller Menschen lebt.

Aber – gibt es da nicht auch noch eine andere Geschichte in der Bibel, wonach wir uns nicht sorgen sollen, so wie die Vögel, die ja auch nicht säen und nicht ernten, und wie die Lilien auf dem Feld, die nicht arbeiten und nicht spinnen? Nur auf den ersten Blick kann das als Aufforderung verstanden werden, „in den Tag hi­ nein“ zu leben. Jesus verdeutlicht hier, dass zwar die Zukunft ungewiss ist, dass aber die Angst vor der Zukunft durch das Vertrauen auf Gott ausgeglichen wird.

Es kann ja keinen Zweifel geben, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen den Vögeln am Himmel oder den Lilien auf dem Feld und den Menschen in der Welt: Nämlich die Vernunft und den (biblischen) Auftrag, sich die Welt „untertan“ zu machen. Anders als ein Vogel weiß der Mensch, dass nicht immer ausreichend Nahrung zu finden ist und dass er für diesen Fall Vorsorge treffen kann und muss; und zwar im Vertrauen auf Gott und nicht in der Selbstüberschätzung, die Welt und das gesamte Geschehen lenken zu können. Vorsorge zum Beispiel für das Alter – in 40 Jahren Berufstätigkeit für 20 Jahre Ruhestand sparen ist immer noch ein besseres Verhältnis als bei Joseph! Oder für die Gesundheit und die „Vermögensvorsorge“.

Diese Pflicht zum Sparen als Vorsorge gilt vor allem für Verantwortliche in kirchlichen und staatlichen Institutionen, aber sie sollte auch von jedem Einzelnen ernst genommen werden – ohne zu meinen, dass dadurch das Vertrauen auf Gott und seine manchmal unergründlichen Wege und Ziele ersetzt werden könne.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. November 2005 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Rudolf Kriszeleit ist seit vier Jahren Mitglied des Vorstandes der Investitionsbank Hessen. Vorher war er Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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