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Von – 1. Juli 2010

„Das war besser als jedes Gespräch“

Kunst im Dominikanerkloster macht auf die Lage wohnsitzloser Menschen aufmerksam

Markante Köpfe von wohnsitzlosen Menschen, die der Künstler Harald Birck in Ton gebrannt hat, waren in der Ausstellung „Armut - Reichtum - Kunst“ im Dominikanderkloster zu sehen. Die glänzenden großformatigen Fotos der berliner Künstlerin Miriam Kilali zeigen Ausschnitte aus den Obdachlosenheimen, die sie unter dem Motto „Reichtum“ in Moskau und Berlin in zwei ästhetische Schmuckstücke verwandelt hat. Foto: Rolf Oeser

Sie heißen Dirk, Peter und Jürgen, und sie leben auf der Straße. Ihre Köpfe hat der Berliner Maler und Bildhauer Harald Birck aus Ton geformt, ohne zu schönen: Die Oberfläche ist rau, die Epidermis aufgerissen, herbe Lebenslinien sind erkennbar. Es sind Personen, aber ihre Identität bleibt gewahrt. „Ich will obdachlose und verletzte Menschen zeigen, aber nicht entblößen“, erklärte Birck bei der Eröffnung der Ausstellung „Armut? Reichtum? Kunst!“ im Forum des Dominianerklosters. Eine Woche lang waren seine Porträtplastiken und andere künstlerische Arbeiten zum Thema Obdachlosigkeit dort zu sehen. „So wollen wir auf die Situation wohnsitzloser Menschen aufmerksam machen“, erklärte Renate Lutz, Leiterin des Weser 5 Diakoniezentrums, die die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Hotel Spenerhaus organisiert hatte.

Willi erläuterte selbst die Collage, die er in Zusammenarbeit mit der Werbeagentur Saatchi und Saatchi gestaltet hatte. Siebzehn Jahre, sagte er, habe er auf der Straße gelebt und sich jeden Tag fragen müssen: „Wie überlebe ich den Tag? Wo bekomme ich etwas zu essen und anzuziehen her?“ Simone, die eine psychische Krankheit an einem geregelten Leben hindert, hatte bunte Baumwollfäden auf ihre Collage geklebt: „Das sind die Nerven, die bei vielen Menschen, die auf der Straße leben, blank liegen“, erklärte sie ihre Arbeit.

Harald Birck hat mittlerweile 60 Porträtbüsten in der Berliner Stadtmission geschaffen. „Während der Sitzung für einen Kopf“, erzählt der Künstler, „habe ich oft gehört: ‘Ich wusste gar nicht, dass ich so gut aussehe’ …, ‘das war für mich besser als jedes Gespräch’ … oder auch einmal: ‘Wir sehen ja aus wie die Könige’.“

Der Betrachter wiederum ist erstaunt, dass die Plastik, die einen Millionär oder Musiker, eine geschichtliche oder jetzt lebende berühmte Person darstellen könnte, einen Obdachlosen zeigt. So werden Menschen, die von niemandem beachtet werden, plötzlich als wichtige Persönlichkeiten wahrgenommen.

An François und Reinhold etwa müssen die Minister, die in Berlin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales in ihre Sitzungen gehen, vorbei. Herbert und Gerhard begrüßen die Kirchenbesucher im Dom in Molde in Norwegen. Und Roswieta steht im Diakonischen Werk der EKD in Berlin.

„Jürgen“ aber bleibt in Frankfurt. Sein Abbild soll nach der Umgestaltung von Weser 5 dort seinen Platz finden. „Mit dem Kauf wollen wir die Arbeit des Künstlers unterstützen“, sagte Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt. „Sie gibt obdachlosen Menschen den Wert und die Würde, die sie verdienen.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Juli 2010 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

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Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt".

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