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Von – 26. August 2011

In Fernbeziehungen leben

In Frankfurt wohnen und in Berlin, München, Hamburg oder sonst irgendwo in Deutschland arbeiten – kein Problem, das machen viele. Was vor zwanzig Jahren noch kaum vorstellbar war, ist inzwischen fast normal.

Ulrike Trautwein ist Pfarrerin in Bockenheim. Im Dezember geht sie als Generalsuperintendentin nach Berlin. Foto: Rolf Oeser

Es gab schon immer Menschen, die in die Welt hinaus zogen und dadurch von ihren Familien für lange Zeiten getrennt waren. Legendär sind zum Beispiel die Seeleute, die oft jahrelang und manchmal gar nicht mehr nach Hause kamen. Und damals war man dann richtig getrennt: kein Telefon, kein Internet. Man wusste nichts voneinander und konnte höchstens Briefe schreiben in der Hoffnung, dass sie irgendwann einmal ankommen würden.

Heute ist das anders: Ich kenne etliche Familien, die unter der Woche getrennt leben, weil ein Elternteil in einer anderen Stadt arbeitet. Sie haben viele Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben. Man kann heute mailen, twittern, bloggen, anrufen oder noch besser: skypen, also über das Internet mit Bild telefonieren. Da können auch kleine

Kinder mal schnell Hallo sagen und Mama oder Papa erzählen, was sie auf dem Herzen haben.

Aber auch wenn es inzwischen viele tun: Es bleibt eine große Herausforderung für Ehen und Familien. Wenn man den Alltag nicht teilt, muss man sich besonders Mühe geben, einander zu vermitteln, was zwischendurch geschehen ist. Sonst verliert man schnell den Anschluss und weiß nicht mehr, was den anderen beschäftigt.

Als unsere Tochter für mehrere Monate in Frankreich war, wurde sie sehr krank. Sie lag tagsüber allein mit hohem Fieber im Bett, und es ging ihr schlecht. Da habe ich ihr per Skype vorgelesen. Das war eine gute Möglichkeit, trotz großer Entfernung nah zu sein. Besonders in schwierigen Zeiten ist es entscheidend, intensiv Kontakt zu halten, weil dann die Gefahr doppelt so groß ist, sich voneinander zu entfremden.

Kleine Rituale geben Halt im getrennten Alltag, sei es, dass man sich abends oder morgens regelmäßig anruft, sei es, dass man sich zwischendurch kleine Kurzmitteilungen per SMS schickt oder vielleicht sogar mal wieder Briefe schreibt. Neulich habe ich von einer Frau gelesen, die verabredet sich mit ihrem Mann sogar zum Fernsehen. Sie schauen denselben Film und unterhalten sich danach am Telefon darüber. So haben sie das Gefühl, auch die Freizeit miteinander zu verbringen.

Jede Woche wieder Abschied nehmen: Wenn die Arbeit immer flexibler und räumlich ungebunden wird, sind Paare und Familien oft gezwungen, an zwei verschiedenen Orten zu wohnen. Foto: Ilona Surrey

Eine solche Lebenssituation hat nicht nur Nachteile. Jeder kann seinen eigenen Rhythmus leben, man nimmt die geliebten Menschen nicht selbstverständlich, sondern freut sich besonders auf sie. Und wenn es gut läuft, verbringt man die gemeinsame Zeit bewusster. Wie auch immer man dieses Leben gestaltet, entscheidend ist, dass man darauf vertraut, dass die gemeinsame Basis groß genug ist, um die Herausforderungen einer solchen Trennung zu bewältigen und etwas Gutes daraus zu machen.

Gott sei Dank ist der christliche Glaube in seinen Ursprüngen und in großen Teilen seiner Geschichte eine regelrechte Werbung für Flexibilität und Mobilität. Die Bibel erzählt immer wieder davon, dass Menschen, die sich auf Gott einlassen, aus dem Gewohnten auf- und manchmal regelrecht ausbrechen müssen.

Jesus zum Beispiel war alles andere als sesshaft, er war Wanderprediger und immer unterwegs. Paulus, der Apostel, reiste unglaublich viel durch die damals bekannte Welt, verbrachte intensive Zeit mit den Menschen, zog dann weiter und schrieb Briefe. Diese Briefe sind großartige Zeugnisse seines Glaubens und der Beziehungen, die er mit seinen Gemeinden pflegte. Diese biblischen Geschichten vermitteln uns bis heute Botschaften, die uns auf unserem Weg begleiten und ermutigen können: Sich auf Gott einzulassen, bedeutet, beweglich zu bleiben, bereit zu sein, sich auf Neues einzustellen, und immer wieder überrascht zu werden.

Ich werde ab Dezember in Berlin leben und arbeiten, das erste halbe Jahr werde ich getrennt von meiner Familie sein, die vorerst noch in Frankfurt bleibt. Ich bin gespannt auf dieses Abenteuer.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 26. August 2011 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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Ulrike Trautwein war Pfarrerin in Bockenheim. Im Dezember 2011 ging sie als Generalsuperintendentin nach Berlin.

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