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Von – 1. Oktober 2011

„Die Behörden sind zu behäbig“

Armut nebenan: Was man dagegen tun kann und warum sich hier politisch seit Jahrzehnten nicht viel bewegt.

Dunantsiedlung in Sossenheim: Sind Stadtviertel, wo viele Menschen mit wenig Geld leben, ein Problemfall oder gibt es hier kulturelle Ressourcen, die den Behörden und Hilfseinrichtungen bisher noch gar nicht bekannt sind? Foto: Rolf Oeser

„Wenn Frankfurt über Leitbilder spricht, geht es um Wirtschaftskraft, um Dynamität, aber das Soziale fehlt“, schimpft Walter Hanesch. Der Sozialwissenschaftler von der Hochschule Darmstadt forscht seit Jahrzehnten zum Thema Armut, und er scheint ziemlich frustriert. „Wir diskutieren seit zwanzig Jahren dasselbe, und nichts verbessert sich.“ Auch die Kirchen nimmt Hanesch nicht aus. „Sie halten sich mit Kritik an politischen Entscheidungsträgern ziemlich zurück.“

Hanesch war einer der Hauptredner bei einem Fachtag zum Thema „Armut nebenan“, zu dem der Evangelische Regionalverband und das Integrationsdezernat der Stadt Frankfurt Fachleute aus der sozialen Arbeit eingeladen hatten. Rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Beratungs-, Jugend- und Hilfeeinrichtungen waren gekommen.

In der Tat sind die Zahlen deprimierend. Die Einkommensarmut nimmt seit Jahrzehnten kontinuierlich zu, wie Hanesch an Statistiken belegte. Zehn Prozent der Bevölkerung lebten in prekären Verhältnissen, bei weiteren zehn Prozent könne man sogar von „verfestigter Armut“ sprechen. Die Spaltung der Einkommen werde immer größer: Es gebe zunehmend mehr Reiche und mehr Arme, während die mittleren Einkommen weniger werden.

Während noch in den 1990er Jahren immerhin alle – auch die Armen – Zugewinne an Einkommen gehabt hätten, wenn auch im Verhältnis weniger als die Reichen, so würden die unteren Einkommen seit der Jahrtausendwende auch in absoluten Zahlen schrumpfen. Ebenfalls neu sei das Phänomen der so genannten „Working Poor“, also dass Menschen auch dann von Armut bedroht sind, wenn sie erwerbstätig sind – weil die Löhne so stark gefallen sind. Armut entstehe aber auch dadurch, dass preiswerter Wohnraum knapper werde. Die „Gentrifizierung“, also die Aufwertung von Stadtvierteln – wie etwa des Ostends durch den Bau der EZB, des Gallus durch das Europaviertel oder Bockenheims durch den „Kulturcampus“ – führe zu steigenden Mieten.

Ein anderer Trend sei die Aufteilung von Stadtvierteln in „bessere“ und „ärmere“. Einerseits bedeute das zwar eine Verfestigung von Risiken – Kinder, die in einem „schlechten“ Stadtviertel aufwachsen, haben allein schon dadurch weniger Chancen. In den USA würde daher oft versucht, durch die Zerstörung von Ghettos und Zwangsumsiedlungen eine soziale „Durchmischung“ zu erzwingen. Das führe aber zu vielen Konflikten und löse das Problem der Armut nicht. In einem „Problemgebiet“ zu wohnen, habe nämlich für die Betroffenen durchaus auch Vorteile, zum Beispiel, dass sie in der Nachbarschaft nicht wegen ihrer Armut diskriminiert werden – es haben ja alle wenig Geld – und dass die Preise relativ niedrig sind.

Besser findet Hanesch Projekte wie das Quartiersmanagement „soziale Stadt“, wo versucht wird, in den ärmeren Stadtvierteln Netzwerke und Kooperationen zu etablieren, um die Lebensqualität zu verbessern und die Bevölkerung aktiv einzubeziehen. Leider hätten die politisch Verantwortlichen die Mittel dafür in 2011 wieder gekürzt.

An diesem Punkt schloss auch der zweite Hauptredner an. Mark Terkessidis, Psychologe und Publizist aus Berlin, wies darauf hin, dass es große Ressourcen in der Bevölkerung gebe, die von den „offiziellen Stellen“ nicht erkannt würden. Gerade Familien mit so genanntem „Migrationshintergrund“ könnten zum Beispiel Viertel stabilisieren, weil sie anders mit Armut umgehen. So würden einheimische Familien eher dazu tendieren, zu verwahrlosen, wenn sie zu wenig Geld haben, während migrantische Familien häufiger auf Netzwerke und Überlebenstechniken zurückgreifen können, die ihnen helfen, mit der Situation besser fertig zu werden.

Terkessidis warnte davor, die Themen „Armut“ und „Migration“ direkt miteinander zu verknüpfen. Es gebe auch sehr erfolgreiche Migrantinnen und Migranten. Es sei ein Fehler, Menschen in Gruppen einzusortieren, anstatt sie in ihrer Individualität zu sehen.

Das Hauptproblem sei die Behäbigkeit der politischen und verwaltungstechnischen Strukturen in Deutschland, die mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung längst nicht mithalten können, so Terkessidis. Dort herrsche immer noch ein bestimmter „Typus“ Mensch vor, andere Kulturen seien praktisch nicht vertreten. In deutschen Verwaltungen gebe es kaum Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, während sie in der Bevölkerung schon rund vierzig Prozent ausmachen, bei den Kindern sogar zwei Drittel.

Wenn aber die Behörden und kommunalen Einrichtungen keine Verbindung zu den Netzwerken und Communities der Bevölkerung haben, dann verpuffen viele ihrer Angebote wirkungslos – zum Beispiel, weil sie an den Bedürfnissen vorbei gehen oder auch gar nicht erst bekannt werden. Terkessidis forderte, die „strukturelle Trennung zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen“ aufzuheben. Es gehe nicht darum, spezielle Hilfsangebote zu machen, sondern darum, generell eine „barrierefreie“ Struktur einzurichten, sodass nicht nur der „typisch Deutsche“ Zugang zu Positionen hat.

Siehe auch: Sensibel werden für Armut, gleiche Chancen eröffnen

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. Oktober 2011 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe .

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Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin von Evangelisches Frankfurt. Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin bloggt auch unter www.antjeschrupp.com.

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