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Aktuell

Von – 27. März 2015

Von klein auf öffentlich

Schon als Babys sind viele Kinder heute eine „öffentliche“ Person. Von klein auf werden Daten über sie gesammelt und ausgewertet. Cordula Kahl vom Institut für Medienpädagogik und Kommunikation in Dreieich schilderte bei einem Fachtag der Diakonie Frankfurt die fiktive, aber nicht unwahrscheinliche Medienkindheit von „Lisa“.

Medienkompetenz brauchen heute schon kleine Kinder. Foto: detailblick / fotolia.com

Medienkompetenz brauchen heute schon kleine Kinder. Foto: detailblick / fotolia.com

Schon vor ihrer Geburt hat Lisa bei Facebook achtzig Freunde: Ihre Mutter hat für Lisa ein Facebookprofil erstellt und als erstes Foto ein Ultraschallbild gepostet. Das Bild bekommt über 150 Likes. Auch Lisas Geburt ist ein Medienereignis: „Lisa ist da“ – so wird die Geburt auf Twitter bekannt gegeben. Die Glückwünsche kommen als Retweet.

Lisas erste Sprachversuche nehmen die Eltern mit ihrem Smartphone auf und senden sie via Facebook in die Welt. Als Lisa zu laufen beginnt, laufen auch die Videokameras. Die Dokumentation ihrer ersten Schritte ist als Video bei Youtube zu sehen und wird mit der ganzen Welt geteilt.

Mit der Tafel-App malt Lisa ihre ersten Bilder und schickt sie ihren Eltern, die dadurch täglich über die Kreativität ihrer Tochter informiert sind, und auch darüber, wie gut Lisa ein Kind, einen Baum, ein Haus, ein Auto malen kann. So lernen die Eltern auch Lisas Lieblingsfarben kennen: Lisa verwendet hierfür eine eigens für sie eingerichtete E-Mail Adresse.

Lisa wird regelmäßig mit dem Auto in den Kindergarten gebracht, mit Navigationsgerät, auch wenn der Weg bekannt ist. Via Skype telefoniert Lisa mit ihrer Oma, die gerade eine Weltreise macht. Lisa merkt gar nicht, dass ihre Oma so weit weg ist, weil sie sie direkt vor sich auf dem Bildschirm des Tablets sieht und Oma genauso redet wie immer. Sie erzählt ihr von ihren neuesten Erlebnissen, zeigt ihr Fotos von Tieren und winkt ihr zu.

Nach dem Kindergarten darf Lisa auf dem Tablet ihr Lieblingsspiel spielen. Schon bald erreicht sie regelmäßig neue Rekorde im Abschießen von lustigen Tierchen und kann so täglich ein neues
Level freischalten. Ihre aktuellen Punkte werden mit Freunden aus dem Kindergarten ausgetauscht.

Als Lisa in die Schule kommt, findet sie in ihrer Schultüte neben Süßigkeiten natürlich auch ihre Lieblingsfiguren aus dem Fernsehen und den Online-Spielen. Ihr Schulranzen trägt die Konterfeis ihrer Medienhelden.

Als Lisa acht Jahre alt wird, bekommt sie ihr erstes Handy, ein Smartphone von ihren Eltern, das diese nicht mehr brauchen, weil gerade ein neues Modell auf den Markt gekommen ist. Lisa kennt sich bereits bestens mit dem Gerät aus, weil sie schon vorher regelmäßig darauf spielen, Fotos machen, Videos ansehen und natürlich auch telefonieren durfte. Jetzt bekommt Lisa eine eigene Handynummer. Ihre erste SMS ist eine Nachricht an ihre Mutter, dass die letzte Stunde ausfällt und sie abgeholt werden möchte.

Mit ihren Freundinnen tauscht Lisa sich regelmäßig über Whats App aus, schickt Fotos von sich selbst und anderen und erzählt, was sie gerade macht, oder wie langweilig die Hausaufgaben sind. Außerdem hat sie all ihre Lieblingsmusik über eine Playlist immer online dabei. Auch darüber wird mit Freundinnen kommuniziert, indem Links auf Youtube ausgetauscht werden oder gleich die ganze Playlist getauscht und geliked wird.

Als Lisa für die Schule als Hausaufgabe etwas über das Leben von Meerestieren herausfinden soll, recherchiert sie im Internet. Dabei findet sie viele Bilder von den unterschiedlichsten Tieren und viele spannende Informationen. Die Bilder lädt Lisa sich auf ihren Stick herunter und druckt sie später aus. Aus allen Fundstücken baut sie eine Collage, sowohl auf Papier als auch als Datei. Als sie die Datei in der Schule zeigen will, scheitert sie an der medialen Ausstattung. Das Whiteboard wird gerade in einer anderen Klasse verwendet, sodass ihr nur die Präsentation des Posters bleibt.

Mit 13 Jahren entdeckt Lisa ihre Lust am öffentlichen Publizieren und baut sich einen eigenen Blog. Dort schreibt sie regelmäßig über besondere Erfahrungen und Begegnungen in ihrem Leben, erzählt kleine erfundene Geschichten oder Gedichte und veröffentlicht Fotos, die sie zuvor mit einer App auf ihrem Smartphone bearbeitet hat.

Zugleich ist sie bei Tumblr angemeldet und stellt dort ihre besonders gelungenen Fotos als eine künstlerische Selbstpräsentation aus.

Nach dem Abitur nimmt sich Lisa Zeit, um die Welt kennenzulernen, und reist über das Angebot von „Work and Travel“ durch unterschiedliche Länder. Sie kommt mit vielen sozialen Kontakten zu Menschen aus allen Teilen der Welt zurück. Während ihrer Ausbildung engagiert sich Lisa politisch in unterschiedlichen Zusammenhängen und Netzwerken. Sie geht auf Demonstrationen und vertritt ihre Meinung und Überzeugung öffentlich. Nebenbei recherchiert sie bei Amazon nach Möglichkeiten, sich gegen gewalttätige Übergriffe zu schützen. Zugleich sucht sie nach Literatur zu unterschiedlichen Themen, wie Extremismus, Terrorismus, Geschichte des Antisemitismus, weil sie sich während ihres Studiums mit politisch und religiös motivierter Gewalt beschäftigt. Es ist ihr nicht bewusst, dass Amazon unbefristet ihre persönlichen Daten und Vorlieben speichert. Natürlich hinterlässt sie auch auf zahllosen anderen Plattformen ihre Daten.

Irgendwann kauft Lisa sich ihr eigenes Auto, und um Geld zu sparen schließt sie bei einer Versicherung den günstigeren „Telematik-Tarif“ ab. Dabei wird in ihrem Auto eine so genannte Blackbox installiert, die alle Fahrdaten aufzeichnet und an ihre Versicherung schickt, zum Beispiel Geschwindigkeitsüberschreitungen, Bremsverhalten, Fahrzeit, zurückgelegte Kilometer.

Wenn Lisa fünfzig ist, ist ein umfassendes Profil ihres Lebens, ihrer Vorlieben, ihrer Persönlichkeit, zusammengesetzt aus unzähligen Daten, die sie hinterlassen hat, entstanden.

Das ist wichtig!

  • Profile in Online-Netzwerken oder eine eigene Website erscheinen in den Ergebnislisten von Suchmaschinen in der Regel oben und bestimmen damit die Außenwirkung. Für das Anlegen eines persönlichen Profils eignen sich berufliche Netzwerke wie Xing und LinkedIn sowie Jobportale wie Stepstone oder Monster.
  • Meinungen nur kontrolliert äußern: Wer sich im Internet in Blogs oder Foren mit kompetenten Beiträgen äußert, wird positiv wahrgenommen. Beleidigende Äußerungen sind dagegen tabu.
  • Es gibt für Privatpersonen das Recht am eigenen Bild. Sind also irgendwo unerwünschte Fotos von Ihnen veröffentlicht worden, können Sie deren Entfernung aus dem Internet verlangen.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 27. März 2015 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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