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Von – 14. November 2016

Vom Streit um die wahre Religion

Jede Religion hat den Anspruch, die Wahrheit über Gott zu kennen. Trotzdem müssen sie sich nicht bekriegen.

Wilfried Steller. Foto: Rui Camilo

Wilfried Steller. Foto: Rui Camilo

Der Streit um die wahre Religion ist auch im 21. Jahrhundert alles andere als akademisch. Wenn der Engel den Hirten auf den Feldern um Betlehem verkündet: „Euch ist heute der Heiland geboren!”, dann ist das weder eine private noch eine nur lokal begrenzte Offenbarung: Die Botschaft von Jesus Christus gilt der ganzen Welt. Der Glaube an den einen Gott tritt somit in Konkurrenz zu anderen Göttern, seien es Vergottungen von Sachen oder Personen wie dem römischen Kaiser, seien es die Götter anderer Religionen.

Mit universalem Ausschließlichkeitsanspruch hat sich das Christentum über andere Kulte gesetzt und bedenkenlos deren Tempel niedergerissen, um auf den Grundmauern Kirchen zu errichten. Ebenso uneingeschränkt und expansionistisch zeigte sich später der islamische Monotheismus. Die Hagia Sophia in Istanbul und der Felsendom in Jerusalem bezeugen ebenso wie die christlichen Kreuzzüge den aggressiven Verdrängungswettbewerb insbesondere zwischen den monotheistischen Religionen.

Es wirkt natürlich wenig überzeugend, wenn sich Religionen im Namen des Friedens oder der Liebe gegenseitig bekriegen. Ich frage mich: Liegt das in der Natur der Sache, ist Religion per se streitschürend und damit gefährlich für den Weltfrieden? Oder kann man als religiöser Mensch zu einer Haltung der Toleranz, womöglich sogar der Akzeptanz gelangen?

Vielleicht kann man das bedrohlich Glühende der religiösen Wahrheits- und Ausschließlichkeitsansprüche mit einem Atomreaktor vergleichen, den man bekanntlich kühlen muss, damit keine Katastrophe geschieht, der aber zugleich die Entstehung von nützlicher Energie ermöglicht.

Zwei grundlegende Einsichten helfen mir beim Kühlen. Erstens: Wenn ich ernsthaft damit rechne, dass Gott allmächtig ist, dann muss mich nichts zum Fanatismus oder Kämpfertum anstacheln. Dass Gott über seine Einzigartigkeit wacht und keine anderen Götter neben sich duldet, ist ja Gottes selbstgewählte Aufgabe, und er ist mächtig genug, das ganz ohne meine Hilfe durchzusetzen, wenn ihm danach ist. Also brauche ich mir weder Sorgen um den Bestand meiner Religion zu machen, noch muss ich mir anmaßen, ihre universale Geltung durchzusetzen.

Zweitens: Als Mensch bin ich begrenzt und fehlbar. Weder kann ich über Gott bestimmen, noch mich zu seinem Sachwalter aufspielen. Vielmehr ist Demut die angesagte Haltung. Ich muss also eingestehen, dass ich zu wenig weiß, um sagen zu können, dass andere Gottheiten tatsächlich „falsch” sind. Und ich muss die Möglichkeit zugestehen, dass andersreligiöse Menschen eine andere Offenbarung und damit einen anderen Aspekt vom unfassbaren Sein Gottes erhalten haben als ich.

Andere Religionen haben etwas, das ich in meiner nicht habe, auch wenn ich das vielleicht gar nicht vermisse. Das heißt: Meine Religion hat zwar für mich einen absoluten Wahrheitsanspruch, zugleich aber weist das Bekenntnis zur Größe und Einzigheit Gottes darüber hinaus: Gott ist so groß, dass er auch andere Wahrheiten umfasst, die ich nicht einmal ansatzweise zu erfassen in der Lage bin. So bringt das Bekenntnis zur Größe Gottes einerseits mein persönliches Bekenntnis zu dem Einen (christlichen) Gott zum Ausdruck und andererseits zumindest meine Toleranz, besser aber noch meine Akzeptanz gegenüber anderen Religionen, denen Gott seine Größe eben anders hat zeigen wollen als mir. Und damit Menschen sich (frei) entscheiden können, welcher Weg der richtige für sie ist, gibt es Mission, also das Bemühen, die eigenen Glaubensüberzeugungen anderen gegenüber zu erklären und zu vermitteln.

Es geht also nicht um die Art und Weise, wie ich glaube. Verschiedene Menschen brauchen auch verschiedene Weisen und Worte des Frommseins, so ähnlich wie man ja auch auf ganz verschiedene Weise von A nach B kommen kann. Ob mit Ferrari oder Fernbus, mit Islam oder Christentum, ist nicht entscheidend, Hauptsache ist, dass wir selbst bei B ankommen, das heißt, eine eigene Beziehung zu Gott gewinnen. Damit Gott unserem Leben eine Richtung gibt und uns allesamt eines Tages im Frieden und in der Liebe zusammenbringen wird.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 14. November 2016 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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