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Von – 1. April 2002

Schon ein Glöckchen kann helfen

Eltern von blinden und sehgeschädigten Kindern sind oft verzweifelt – eine Frühförderstelle bietet in Frankfurt seit zwanzig Jahren Hilfe

Tief verzweifelt waren Anne und Jochen P., als sie das erste Mal zur Pädagogischen Frühförderung für blinde und sehbehinderte Kinder kamen. Acht Monate alt war ihr kleiner Sohn, und er hatte schon mehr Klinikaufenthalte hinter sich als die Eltern in ihrem ganzen Leben. Überall waren die Prognosen schlecht. Jan war ein „Frühchen“, lange vor dem errechneten Termin drängte es ihn auf die Welt, doch dort konnte er nicht alleine atmen, sein Herz war schwach und mit den Augen stimmte auch etwas nicht. „Er schaut mich nicht einmal an, wenn ich mit ihm spreche“, klagte Anne P. „Reicht es denn nicht, dass er so schwer behindert ist, muss er auch noch blind sein?“

Erst allmählich schaffte sie es, ihr Kind mit seinen Behinderungen anzunehmen. Geholfen hat ihr dabei eine Sozialpädagogin der Frühförderstelle, die es seit genau zwanzig Jahren im Evangelischen Regionalverband Frankfurt gibt. „Im Idealfall kommen die Eltern so früh wie möglich zu uns, und wir begleiten das Kind und die Familie bis zum Schuleintritt“, sagt Sigrid Unglaub, stellvertretende Leiterin der Frühförderstelle, die für ganz Südhessen zuständig ist.

Die Mitarbeiterinnen besuchen die Kinder zu Hause, beraten die Eltern, unterstützen sie bei Arztbesuchen, aber auch bei der Suche nach einem geeigneten Kindergarten und der richtigen Schule. „Meistens haben die Eltern viele Klinikaufenthalte hinter sich, aber noch wenig konkrete Hilfe erfahren“, weiß Sigrid Unglaub. Riesige Sorgen drücken sie, die Angst ums Überleben hat oft die ersten Monate mit dem Nachwuchs bestimmt. Und langsam müssen sie realisieren, dass ihr Kind für immer behindert sein wird.

„Im Krankenhaus wurde nur an Jans Defekten rumgedoktert“, sagt Anne P. Die Frühförderstelle hat einen anderen Ansatz: Zunächst finden die Pädagoginnen heraus, auf welche Reize das Kind noch reagiert. Ist noch ein Rest Sehschärfe vorhanden, reagiert das Kind auf Hell-Dunkel-Reize, auf das Licht einer Taschenlampe oder kräftige Farben? „Wer schlecht sieht, tastet sich an der Wand lang“, betont Unglaub, „da müssen wir erst mal zeigen, dass Sehen etwas ist, das Spaß macht und hilfreich ist.“ Dafür gibt es eine Reihe von Hilfsmitteln, einen Lichtkasten mit bunten Farben, starken Kontrasten, Dingen zum Leuchten und Klingen oder eine Kiste voller Gegenstände, die leicht zu tasten sind. Auch die Eltern können ihre Wohnung für das sehgeschädigte Kind erfahrbar machen – ein Glöckchen an der Wohnzimmertür oder ein rauer Aufkleber an der Tür zur Küche helfen schon, sich besser zurechtzufinden.

Weil die Therapeutinnen in die Familie kommen, sehen sie Probleme an Ort und Stelle, können etwa auf Eifersüchteleien der nicht behinderten Geschwister reagieren und den Müttern zur Seite ­ stehen, wenn gerade mal wieder die Welt zusammengebrochen ist. „Dass mich mal jemand fragt, wie es mir geht, das tut so gut“, erzählt Anne P. Und es tut gut zu wissen, dass Jan sie nicht ablehnt, wenn er sie beim Sprechen nicht anschaut, sondern ihr einfach sein Ohr leiht. (Pädagogische Frühförderung für blinde und sehbehinderte Kinder, Eschersheimer Landstraße 565, Telefon 53 02-211).

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 1. April 2002 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe .

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