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Aktuell

Von – 2. Juli 2013

Schleichwege dichtgemacht

Wenn die Einkommenssteuererklärung ansteht, hat kaum jemand etwas zu verschenken: Legale Fluchtmöglichkeiten in ein Steuerparadies bleiben zwar den meisten verschlossen, aber die Lücken im Gesetz können durchaus lukrativ sein. Man handelt gesetzestreu, indem man sie ausnutzt – obwohl es moralisch fragwürdig wirkt, wenn zum Beispiel große Firmen praktisch keine Steuern zahlen.

Auch Jesus kannte das Problem, dass man dem Geist von Gesetzen zuwiderhandeln kann, ohne sie zu brechen. Das Gesetzeswerk, das er vor Augen hatte, waren die Zehn Gebote. Wer sie überschreitet, zerstört die Gemeinschaft, steht als Überzeugung dahinter. Auf den ersten Blick stimmt das auch. Aber auf den zweiten sind die Formulierungen löchrig wie Schweizer Käse: Einen Menschen schwer zu beleidigen, ist danach nicht ausdrücklich verboten. Das kennt man auch heute noch: Die Verpflichtung, ein wohlwollend formuliertes Arbeitszeugnis zu schreiben, bringt nicht unbedingt die reine Wahrheit aufs Papier. Und die entschwundene Liebe zum Partner dient willig dem Bedürfnis, etwas Neues anzufangen, wenn die Ehe ohnehin „nur noch auf dem Papier“ besteht.

Jesus hat die Schleichwege dichtgemacht, auf denen die Gebote umgangen oder entgegen dem sie durchdringenden Geist interpretiert werden. In der Bergpredigt verurteilt er eine Haltung, die eigenen Freiheitsrechte gegen das Wohl der Gemeinschaft auszuspielen. Eine verkehrte Richtung schlägt demnach ein, wer die Gebote auf Lücken hin abklopft. Vielmehr gilt es, „vollkommen” zu sein „wie der Vater im Himmel”: Die Einzelnen sollen ihre persönlichen Interessen zurückstellen und sich allein an Gottes Willen orientieren.

Jesus konkretisiert das, indem er die Gebote radikal verschärft: Schon der böse Gedanke über einen Menschen hat etwas Vernichtendes. Schon eine Frau als Objekt zu betrachten, verfehlt die ganzheitliche Beziehung. Schon wer den Schwur nutzt, zeigt damit, dass er es sonst nicht so genau hält mit der Wahrheit. Am heftigsten werden die Ich-Interessen eingeschränkt, wo Jesus verbietet, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und fordert, dem Übel nicht zu widerstehen oder seine Feinde zu lieben.

Jesu Radikalisierung der Gebote wurde oft als Überforderung zurückgewiesen. Tatsächlich kann kein Mensch „Vollkommenheit” erreichen. Und trotzdem akzeptiert Jesus keine rechtfertigenden Argumente dafür, Leben anzutasten, und toleriert keine Grauzone gerade noch so erlaubter Erniedrigungen. So macht er sensibel dafür, wie leichtfertig und geradezu selbstverständlich Verletzungen geschehen. Er legt damit hohe ethische Maßstäbe an; niemand kann ihnen entsprechen. Aber auf diese Weise schärft er ein: „Wehret den Anfängen”.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 2. Juli 2013 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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