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Von – 31. März 2015

Wer hat Jesus umgebracht?

Es ist ein klassisches antisemitisches Stereotyp: „Die Juden“ seien die „Mörder Jesu“. Inhaltlich ist diese Behauptung allerdings völlig haltlos. Zwar wurde Jesus damals von vielen Menschen jüdischen Glaubens abgelehnt und den römischen Behörden als Aufrührer übergeben. Aber ein Mord war die Hinrichtung Jesu nicht, und auch von einem Justizmord wird man kaum sprechen können.

Crown Of Thorns Represents Jesus Crucifixion on Good Friday

Zunächst einmal waren es römische Beamte und Soldaten, die die Verurteilung und Hinrichtung Jesu ausführten. Das Recht, Kapitaldelikte zu ahnden, lag bei den römischen Besatzern, und Jesus wurde als Aufrührer gegen den römischen Staat gekreuzigt. Selbst wenn er keine direkt antirömischen Aktivitäten entfaltet hatte und insofern „unschuldig“ war, reichte unter den Bedingungen des Besatzungsrechts mit Sicherheit die begründete Möglichkeit eines antirömischen Handelns zur Verurteilung aus.

Die Initiative zur Auslieferung Jesu an die römische Justiz ging außerdem nicht von „den“ Juden aus, sondern von bestimmten historischen Religionsführern und Oberen in Jerusalem. Die hatten nämlich sehr konkrete Vorstellungen von einem „Messias“: Er sollte die Römer vertreiben. Auch im Volk waren kriegerische Erwartungen lebendig.

Jesus enttäuschte jedoch dieses Bild und störte durch seine Unberechenbarkeit die gespannte Ruhe zwischen römischen und jüdischen Machthabern. Mit seiner Auslieferung an die Römer entledigten sich bestimmte Kreise eines Störenfriedes, der in den eigenen Reihen bereits viele Sympathien verspielt hatte. Sie stabilisierten damit vermutlich zugleich die Beziehungen zu den römischen Machthabern vor Ort, zu deren Nutzen es war, ein Exempel statuieren und damit die jüdische Bevölkerung zum Stillhalten ermahnen zu können.

Jesus wurde also ein Opfer vitaler Interessen, und man kann sagen: Sein Tod brachte sowohl der jüdischen wie der römischen Obrigkeit einen Gewinn. In der neutestamentlichen Darstellung dieser Prozesse geht es nicht um eine historische Darstellung, sondern um eine theologische Würdigung von Jesu Wirken. Die Bibel erzählt Heilsgeschichte fernab von jeder moralischen Verurteilung von „Juden“ oder „Römern“, denn sie geht davon aus, dass dies alles so kommen musste, weil es Gottes heiligem Plan entsprach: Jesus wurde gekreuzigt für die Schuld der Vielen.

Die Schuld liegt nach christlicher Überzeugung einerseits darin, hinter den eigenen Interessen die Sicht Gottes nicht wahrzunehmen, und in dieser Hinsicht stehen die damaligen jüdischen Oberen stellvertretend für alle Menschen. Die Schuld liegt andererseits auch darin, einen „Unschuldigen“ wider besseres Wissen zu kreuzigen – und dabei stehen dann die Römer stellvertretend für alle.

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 31. März 2015 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe .

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Wilfried Steller ist Theologischer Redakteur von "Evangelisches Frankfurt" und Pfarrer in Frankfurt-Fechenheim.

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Kommentare zu diesem Artikel

  • Thomas Benthien schrieb am 30. März 2015

    Sehr geehrter Herr Pfarrer Steller, Ihr Beitrag vermag mich nicht zu überzeugen.
    Ausgangspunkt für den Tod Christi war sein Auftritt im Tempelvorhof,
    indem er die Wechsler vertrieb, und zwar gleich nach Palmsonntag.
    Vielleicht sollten Sie sich vertieft mit der Bedeutung des jüdischen
    Tempels befassen; er war nicht nur Gebetsstätte, sondern diente auch
    – wie alle anderen Tempel in jener Zeit – als Aufbewahrungsort für die
    zu zahlende Tempelsteuer. Im Tempel wurden etwa 30 Tonnen Silber
    aufbewahrt. Die Tempelsteuer musste jeder Jude in Schekel bezahlen,
    da diese Münze einen hohen Reinheitsgehalt an Silber hatte. Wenn ein
    Jude keine Schekel besessen hatte, musste er z.B. seine römischen Münzen bei den Wechslern eintauschen. Die Wechsler standen also
    im Dienste der Tempelpriester und sorgten dafür, dass die Steuer
    richtig bezahlt werden konnte. Die Wechslervertreibung war deshalb
    ein Angriff auf das „Finanzkapital“ des Tempels. Im Matt.Ev. wird gesagt,, „als die Hohenpriester dies hörten (= Vertreibung der Wechsler) beschlossen sie, ihn zu töten“. Der Grund für den Tod Jesu
    war sein Angriff auf die seinerzeitige „Zentralbank“ der jüdischen
    Priesterkaste. Hierzu läßt sich noch einiges ausführen. Vielleicht
    findet Herr Pfarrer Steller die Zeit, um diese Thematik zu vertiefen.
    Dazu besteht auch ein aktueller Grund, weil auch heute noch unverändert die Nachteile des Finanzkapitals thematisiert werden.
    Die Kirchen scheuen dieses Thema, weil sie mit ihren Vermögen in
    Milliardenhöhe selbst Teil des Finanzkapitals sind. Vermutlich würde
    ein heute lebender Jesus von Nazareth das Finanzkapital der Kirchen
    in gleicher Weise angreifen wie er es vor zweitausend Jahren gemacht
    hat.

  • Ronald schrieb am 6. April 2015

    In Ergänzung des obigen Kommentars wäre noch hinzuzufügen, dass die Berufung auf die (damalige) Gültigkeit römischen Rechts die gleiche ist, die angeklagte Nazis zu ihrer Verteidigung vorbrachten, als sie sich auf die (vormalige) Gültigkeit der unter Nazi-Herrschaft entstandenen Gesetzgebung beriefen.