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Von – 2. April 2015

Hoffnung auf Chancen

Rund tausend minderjährige Flüchtlinge sind nach Auskunft des Frankfurter Sozialdezernates im Jahr 2014 ohne Eltern in Frankfurt angekommen, ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Die evangelische Kirche hilft mit Begleitung und Wohnraum.

Erste Anzeichen fürs Heimischwerden in Deutschland. Drei junge Männer, die noch als Minderjährige ohne Familie nach Frankfurt gekommen sind, wohnen jetzt in einer Wohngemeinschaft in Höchst zusammen. Foto: Rolf Oeser

Erste Anzeichen fürs Heimischwerden in Deutschland. Drei junge Männer, die noch als Minderjährige ohne Familie nach Frankfurt gekommen sind, wohnen jetzt in einer Wohngemeinschaft in Höchst zusammen. Foto: Rolf Oeser

Drei junge Männer aus ganz unterschiedlichen Welten leben seit November zusammen in einer Wohngemeinschaft in der Höchster Altstadt. Eines ist ihnen gemeinsam: Noch bevor sie 18 wurden, flohen sie ohne ihre Familien nach Deutschland. In der Vier-Zimmer-Wohnung, die der Evangelische Regionalverband für „Betreutes Wohnen“ mietete, fanden sie ein neues Zuhause.

Weder Levon, der Georgier (alle Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert), noch Luan aus Albanien möchten über ihre Flucht sprechen. Nadim, der inzwischen 18 Jahre alte Syrer, sagt nur: „Es ist ja bekannt, was in Syrien passiert“ und knetet seine Hand. Zusammen mit seinen Eltern, Geschwistern und der Oma gelang ihm die Flucht aus Damaskus nach Istanbul. Warum er dann allein und damals noch minderjährig nach Deutschland kam? „Das ist eine große Geschichte“, sagt er knapp und fügt hinzu: „Ich kam, weil ich hier mehr Chancen habe.“

Rund tausend minderjährige Flüchtlinge sind nach Auskunft des Frankfurter Sozialdezernates im Jahr 2014 ohne Eltern in Frankfurt angekommen, ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren. Gut die Hälfte von ihnen hat sich selbst bei den Behörden gemeldet, die anderen wurden von der Polizei aufgegriffen, zum Beispiel am Bahnhof oder am Flughafen. Zuständig für ihre Betreuung und Unterbringung ist das Jugendamt, das dabei mit Kirchen und anderen freien Trägern zusammenarbeitet.

Uwe Baumann vom "Betreuten Wohnen" lässt sich fotografieren, die Flüchtlinge selbst wollten lieber nicht auf das Foto. Foto: Rolf Oeser

Uwe Baumann vom „Betreuten Wohnen“ lässt sich fotografieren, die Flüchtlinge selbst wollten lieber nicht auf das Foto. Foto: Rolf Oeser

Zunächst müssen die Jugendlichen ein „Clearing-Verfahren“ durchlaufen, um ihren Status zu klären. Um ihnen beim Ankommen in Deutschland zu helfen, hat der Evangelische Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt voriges Jahr ein spezielles sozialpädagogisches Betreuungskonzept entwickelt. Er begleitet die Jungen und Mädchen vom ersten Tag an mit Sprachunterricht oder gemeinsamem Kochen. So können sie die Stadt und das Leben in Deutschland kennenlernen und Kontakte zu hier lebenden Jugendlichen aufbauen. Seit März betreibt der Verein in Kooperation mit dem Evangelischen Regionalverband auch eine neue Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Clearing-Verfahren mit zwölf Plätzen im Haus der Jugend in Sachsenhausen. Die meisten dieser Jugendlichen bleiben nicht dauerhaft in Frankfurt, sondern werden nach festgelegten Quoten in andere Kommunen weiter vermittelt.

Für die jungen Männer in der WG in Höchst, die bereits einen Aufenthaltsstatus haben, ist jetzt ihre Ausbildung das Wichtigste: Levon würde gerne zur Feuerwehr gehen, Luan schwankt noch zwischen Koch, Elektrotechnik und Altenpflege. Nadim möchte die Abendrealschule abschließen, eine Ausbildung machen und anschließend IT studieren. Eigentlich hat er den Realschulabschluss bereits in der Tasche, doch sein Zeugnis aus dem Heimatland prüft das Schulamt schon seit mehreren Monaten, sagt Uwe Baumann und seufzt. Der Diplom-Pädagoge und andere aus dem Team „Betreutes Wohnen“ schauen zwei, drei Mal in der Woche in Höchst vorbei. Sprechen über Freizeitaktivitäten und Gesundheit, bei schwierigen Themen übersetzen Dolmetscher.

In der Küche brummen drei Kühlschränke; keiner konnte ja ahnen, dass die drei sich auf Anhieb verstehen. „Wir putzen und waschen zusammen“, sagt Nadim und grinst. Kochen geht mal einzeln, mal gemeinsam. „Es läuft toll“, sagt Uwe Baumann.

„Es gibt einen hohen Bedarf an Platz in Frankfurt und die Notwendigkeit, Jugendliche gut zu versorgen. Wenn wir das in einer Wohngemeinschaft machen, sind sie nicht alleine“, sagt Claudia Zinn, die Leiterin des Arbeitsbereichs Jugendhilfe beim Regionalverband. Eine Klippe dabei: Geeignete Wohnungen zu finden ist schwer. Manche der jungen Flüchtlinge machen später in Deutschland Karriere, weiß Uwe Baumann: „Jeder von ihnen ist interessiert, seinen Weg zu gehen, für unsere Gesellschaft kann das ein Gewinn sein.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 2. April 2015 in der Rubrik Lebenslagen, erschienen in der Ausgabe , .

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Susanne Schmidt-Lüer ist Redakteurin und schreibt vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.

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