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Von – 16. September 2015

Lehrerin aus Leidenschaft

Gerlinde Thomala unterrichtet Migrantinnen am Frankfurter Berg

Ihr macht es Spaß, wenn ihre Schülerinnen auch Spaß am Deutschlernen haben: Gerlinde Thomala beim Sommerfest am Frankfurter Berg. Foto: Rolf Oeser

Ihr macht es Spaß, wenn ihre Schülerinnen auch Spaß am Deutschlernen haben: Gerlinde Thomala beim Sommerfest am Frankfurter Berg. Foto: Rolf Oeser

Würstchen brutzeln auf dem Grill, Salatschüsseln stehen auf Biertischen, Kinder toben über das kleine Fleckchen Wiese vor dem Hochhaus in der Julius-Brecht-Straße. Zwölf Frauen sitzen auf Holzbänken, sie reden, lachen, essen. Das sommerliche Grillfest des Nachbarschaftstreffs „Frauen am Frankfurter Berg“ ist längst Tradition im Viertel.

Gerlinde Thomala sitzt mit den Teilnehmerinnen, die aus vielen verschiedenen Ländern kommen, am Tisch. Sie kennt die meisten von ihnen gut. Thomala unterrichtet im Frauentreff Deutsch, jeden Donnerstag. Die pensionierte Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, die früher an der Volkshochschule Offenbach gearbeitet hat, wohnt ganz in der Nähe. Eines Tages schaute sie einfach vorbei und fragte nach, ob sie dort einmal pro Woche ehrenamtlich unterrichten dürfe. Sie durfte.

Gerlinde Thomala trägt die Haare kinnlang und hat ein offenes Lachen. Um ihren Hals trägt sie ein verziertes Kreuz, ein Symbol der Tuareg. „Das ist das Kreuz von Agadez, einer Stadt südlich der Sahara“, erklärt Thomala. „Es symbolisiert die vier Himmelsrichtungen, denn in Agadez treffen immer die Kamel-Karawanen aus der Gegend zusammen.“ Im Jahr 1979 war sie dort, seitdem trägt sie die Kette.

Der Treff wird gefördert vom Frauenreferat der Stadt und getragen vom evangelischen Frauenbegegnungszentrum „EVA“, einer Einrichtung des Evangelischen Regionalverbandes. Im Erdgeschoss des Hochhauses kommen Frauen aller Altersgruppen zusammen. Chinesinnen sind dabei und Pakistanerinnen, Frauen aus der Türkei, aus Afghanistan und Bangladesh. Manche haben in ihren Herkunftsländern studiert, andere können nicht lesen und schreiben. Eine Herausforderung für die Lehrerin. Statt einer Pinnwand hängt ein blaues Tuch an einer Seite des Raums. Orange Zettel kleben daran, in der letzten Deutschstunde ging es um den Akkusativ. „Für, durch, um, ohne, gegen“, diese Präpositionen sind darauf notiert. Und einzelne Sätze. „Meine Kinder sind mein größtes Glück“, hat eine Frau geschrieben.

Gerlinde Thomala wirkt fröhlich, entspannt und motiviert, sie genießt die Arbeit mit ihren Schülerinnen sehr, das ist offensichtlich. „Alle sind sehr gewissenhaft bei der Sache und weisen mich auch freundlich darauf hin, wenn ich vergesse, Hausaufgaben aufzugeben“, berichtet sie.

Aufgewachsen ist Gerlinde Thomala ist in einem kleinen Dorf in der Eifel, 1968 kam sie nach Frankfurt. „Dort bin ich politisiert worden.“ Zunächst arbeitete die gelernte Wetterdiensttechnikerin am Flughafen, dann studierte sie Soziale Arbeit, zwischendurch nahm sie an Demonstrationen teil. „Eine spannende Zeit“.

Reiselust und Freude am Unterrichten hat sie mit ins Rentenalter genommen. Statt quer durch die Sahara fährt Gerlinde Thomala demnächst gemeinsam mit ihrem Mann im alten VW-Bus, einem echten Bulli mit Aufstelldach, an den Bodensee. „Mit dem Unterrichten habe ich etwas gefunden, das mir wirklich Freude macht“, sagt sie. „Es freut mich, dass es den Frauen so viel Spaß macht, Deutsch zu lernen.“

Artikelinformationen

Beitrag von , veröffentlicht am 16. September 2015 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe .

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Anne Lemhöfer interessiert sich als Journalistin und Autorin vor allem für die Themen Kultur, Freizeit und Gesellschaft: www.annelemhoefer.de.

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